Sind Weihnachtsgeschichten nur etwas für Zyniker ?

Eine meiner ganz persönlichen Weihnachtsgeschichten erlebte ich mit 14. Ich las erstmals die Buddenbrooks und bei der Beschreibung des großbürgerlich-üppigen „ziegelroten“ Weihnachtsschinkens in Burgundersauce, dem Pletten- und Plumpudding, Russischer Topf und Marzipan folgten, bekam ich glänzende Augen. Nicht, dass ich selbst gehungert hätte – aber zwischen der hanseatischen Völlerei und unseren auch nicht gerade unbescheidenen Weihnachtsessen lag denn doch ein weites Feld. Fortan verband ich mit Thomas Mann die Fantasie einer gestopften Weihnachtsgans – wobei ich die Malaisen der Überfütterung, die dem jüngsten Buddenbrook Christian damals tüchtig zu schaffen machten, außer Acht ließ. Eine Weihnachtsgeschichte der besonderen Art.

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Bei Konsuls wurde stilgerecht zuhause gefeiert und vor dem Mahl hatte man noch die Muße, Weihnachtsgeschichten vorzulesen, nach altem Brauch. Kunststück, bei so viel Personal! – Fast wären sie ausgestorben, die Hausfeierlichkeiten.

Früher, ja früher wurden die Zimmer ausgeräumt, die Tische aneinander gereiht, Stühle und Porzellan beim Nachbarn geliehen, und die guten Damasttischdecken sahen endlich mal wieder Kerzenlicht.

Drangvolle Enge förderte Intimität und Stimmung. Eine strenge Leih-Köchin präsidierte die Küche, in ihrem Schlepptau ein Zugehmädchen (Praktikantin würde man heute sagen), Keller und Speisekammer wurden aufgefüllt, wir Kinder als Küchenhilfen abgestellt – und nun ging es so richtig los!

Alles nur eine Weihnachtsgeschichte? Heute ist mir schleierhaft, wie man in unserer schlichten Küche ein komplettes Weihnachtsmahl mit Pastete, Suppe, Karpfen blau, Rehrücken und Fürst Pückler Eis und abends Kalte Platten mit Italienischem Salat, Ochsenzunge und Russenei für 15 (und mehr) gute Esser auf den Tisch stellen konnte. Schön waren diese Feste, Onkel und Tante und alle Verwandten schmausten und zechten, kamen sich näher, und wenn sie sich genug auf die Nerven gegangen waren, gingen sie glücklich gesättigt wieder auseinander.

Weihnachtsgeschichten gibt es wie Sand am Meer. Jeder hat seine Lieblinge: Ebenezer Scrooge, George Bailey alias James Stewart in „Ist das Leben nicht schön?“ oder das herzige Aschenputtel, das seinen Prinz findet, in „Cinderella“? Ingmar Bergmans Familiensaga „Fanny und Alexander“ beginnt mit einem opulenten Weihnachtsmahl, an dem sich die ganze Sippe beteiligt. Zu diesem Zeitpunkt ist noch alles in Butter. Später kommen dann Dämonen ins Spiel ..


Mit Weihnachten verbindet jeder Weihnachtsgeschichten, die ihn besonders beseelten oder faszinierten – die Puppenstube, die nur an Weihnachten vom Speicher geholt wurde – den Korb voller Südfrüchte, der für die, die den Hunger der Nachkriegszeit erleben mussten, noch heute wie ein Wunder erscheint, die nächtliche Schlittenfahrt zur Messe über Eis und Schnee, das Herzklopfen bevor die Tür zum Weihnachtszimmer geöffnet wurde, die Enttäuschung, als nicht die bestellte Eisenbahn, sondern ein alberner Plüschhase unter dem Weihnachtsbaum lag und die Bauchschmerzen nach dem Weihnachtsessen, das viel zu viele gute Sache enthielt. Alles Weihnachtsgeschichten. Ein wenig verklärt, ein wenig gestrig.

Wissen Sie eigentlich, dass der deutsche Name „Weihnachten“ von „ze wihen nahten“ hergeleitet wird, was den 12 heiligen Nächten der Sonnenwende entspricht, an die die alten Germanen glaubten? Erst seit 354 feiern wir am 25.12. die Geburt Jesu Christi – den heiligen Nikolaus verdanken wir Bischof Nikolaus von Myra, der im vierten Jahrhundert lebte und seine eigene Weihnachtsgeschichte webte. Er gilt als der Schutzpatron der Kinder, auch wenn er ihnen schon mal die Leviten liest oder – wie es früher gang und gebe war – ein unartiges Exemplar in seinen Sack steckte. Grausame Sitten, die eher der Einschüchterung dienten als der Erbauung.

Neuzeitlicher ist schon die Tatsache, dass die Hälfte der deutschen Kinder und Jugendlichen unter 16 nach dem Ursprung und Sinn der Weihnachtsgeschichte befragt, kaum mehr zu sagen wissen, als dass es irgendwie „ein Märchen“ sei oder „halt der Tag, an dem man sich beschenkt“. Zyniker und Weltverächter nennen ihn den Tag, an dem der Weihnachtsmann erschossen wurde und nur wenige sehen den Grund in der Geburt dessen, den die christliche Kirche den Messias nennt. Weihnachtsgeschichten kennen sie vermutlich aus Musikvideos, in denen rot bemäntelte Girls mit Wattebärten und sexy geschürzten Röcken durch die Szene huschen.

Eine schöne Bescherung nennt man es, wenn etwas schiefläuft, in Verleugnung der eigentlichen Bedeutung. Weihnachtsgeschichten, die das Leben schrieb, gibt es die noch? Mehr und mehr erinnern sich Menschen daran, dass der religiöse Hintergrund auf Werten fußt, die jahrtausendelang das Fundament eines Teils der Menschheit bildeten. Glaube, Liebe, Hoffnung haben für viele den Sinngehalt aber längst verloren. Doch es gibt ja Anzeichen, die hoffen lasen. Nächstenliebe findet z.B. statt – nicht als Lippenbekenntnis, sondern als tätige Weihnachtsgeschichte – , wenn eine Tageszeitung Weihnachtsbaumspender für bedürftige Familien sucht oder ein Waldbesitzer diese auffordert, sich in einem abgesteckten Forstgebiet den eigenen Tannenbaum selbst zu fällen, offen und frei heraus anstatt klammheimlich mit der Axt unter dem Mantel in der Dämmerung durch Forst und Tann zu stolpern.


Festgefroren in der Truhe ...

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Eine der Weihnachtsgeschichten, die sich mit den sinnlichen Genüssen der Weihnacht beschäftigt ist Heinz Erhardts Ballade von der Weihnachtsgans aus Dänemark, die „tief gefroren in der Truhe“ dem Festessen entgegenschlummert, in Unkenntnis darüber, dass sie dort das Objekt der Begierde darstellt. Mit seiner Förstersfrau, die den Gatten killt und die Einzelteile hübsch verpackt als milde Gabe an Notleidende verschenkt, hat Loriot dem Advent eine Moritat gewidmet. Geradezu erholsam dagegen Eichendorffs romantische Verklärung: „Sterne hoch die Kreise schlingen, aus des Schnees Einsamkeit steigt’s wie wunderbares Singen – O du gnadenreiche Zeit!“

Und oft gehört – aber immer wieder bewegend, die Geschichte von dem Mädchen mit den Zündhölzern. Zwar aus einer Zeit, die versunken scheint, aber in einem wohlhabenden Land, das sich Obdachlose und Sesshafte leistet, kann man zur Winterszeit nicht oft genug an diese Weihnachtsgeschichte erinnern.

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2 Reaktionen zum Beitrag " Festgefroren in der Truhe … "

Kommentare :
  1. Rudolf Koncet
    18:07 am 14. September, 2013

    Ich würde gerne etwas aus dem Text verwenden.
    Wer erteilt dafür eine Genehmigung ?

  2. schreibstift
    09:59 am 29. November, 2013

    Wo soll den welcher Abschnitt auftauchen?

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