Mit Cleopatra fing alles an ..

Kurz oder lang – alles Haarspalterei? Cleopatras Stirnpony hat es immerhin bis in die Neuzeit geschafft. In der Geschichte war Haarmode stets eng mit den herrschenden gesellschaftlichen Gegebenheiten verflochten. Frisuren wiesen Rang, Stand und sozialen Status, verheiratete Frauen im Mittelalter flüchteten „unter die Haube“.

Als frau in den 1920-Jahren sich vom Korsett befreite und die Rocksäume bis zum Knie rutschten, kam das einer Revolution in Salon und Schlafzimmer gleich. Ein unübersehbares Signal der Emanzipation, die bereits durch den ersten Weltkrieg einen vom Mann ungewollten Anschub erhalten hatte. Die Neue Frau zeigte sich – nur 10 Jahre nach den engbrüstigen wilhelminischen Dekaden – freizügig, selbstsicher und kess. So war es nur ein kleiner Schritt, bis sich analog zur schmalen Modesilhouette auch auf den Köpfen ein neues Selbstbewusstsein dokumentierte.


Wieder einmal war Frankreich Vorreiter, Coco Chanel eine der ersten, die sich mit ihm zeigte, und sofort internationale Furore machte. In Deutschland übernahmen ihn erst die angesagten Filmstars („Hamlet“ mit Asta Nielsen war als Film ein Reinfall, aber ihre Frisur schlug ein!) und die Damen der Gesellschaft – dann zeigte ihn die Frau auf der Straße: Die Kurzhaarfrisur – der Bubikopf – der Bob – hielt Einzug und etablierte sich als prägnantes Signum für Modernität und Liberalität.

Die Kurzhaarfrisur bildete das kongeniale Pendant zur Mode der Zwanziger, in der die ersten Damenhosen auftauchten. Die berufstätige Frau verlangte nach Bewegungsfreiheit und praktischen Frisuren und spürte Aufwind in ihrem Bestreben, sich von „Küche, Kirche, Kinder“ zu lösen und ihr Leben freier zu gestalten. Dass die Neue Frau sich auch in der Liebe emanzipierte, lebte Marlene Dietrich gnadenlos cool vor und posierte im Smoking lasziv und schillernd. Mann oder Frau – das war hier die Frage, wenn manche Frau mit dem konventionellen Geschlechterverhalten kokettierte. Die moderne Frau mit Bubikopf griff öffentlich zu Zigarettenspitze und Champagnerglas, fuhr Cabriolet und zeigte Mann offen, dass sie an ihm interessiert war. Dass die Männerwelt angesichts der kurz behaarten, mäßig berockten und wild geschminkten knabenhaften Fräuleins reichlich verunsichert waren und sich in chauvinistische Nörgeleien retteten, konnte die Neue Frau nicht wirklich beeindrucken. In den 1930-er Jahren wurde diese Frauengeneration dann allerdings in Deutschland auf ziemlich brutale Weise von den pervertierten Rollenvorstellungen der Nationalsozialisten eingeholt.

Wurde die moderne Frau der Zwanziger, die den Schnitt wagte, von den konservativen Kreisen als „androgyn“ diskreditiert, muss sich die Kurzhaarfrisur heutiger Tage nicht mehr verteidigen. Sie hat sich längst einen immer während festen Platz in den Friseursalons erobert. Obwohl Männer nie müde wurden, den Mythos einer auf langen Haaren beruhenden sinnlichen Ausstrahlung zu pflegen, feiert der Kurzhaarschnitt in letzter Zeit ein geradezu atemberaubendes Comeback. Top-Models und Filmschauspielerinnen, deren Löwenmähnen stellvertretend für Sex-Appeal standen, trennten sich spektakulär – von ihren Haaren und manchmal auch von ihren Männern. Ein kurzer, klarer Cut – und ein neues Leben kann beginnen. (Schön wär’s!)


War der erste elektrische Fön aus dem Jahre 1900 noch einige Pfunde schwer, hat frau es heute leichter. Eine Kurzhaarfrisur bietet tausendfache Möglichkeiten, seinen Typ zu betonen oder zu verändern: sportlich, mädchenhaft, verspielt, kess, schrill, gewagt, trendy, crazy, groove, trash – what ever! Er macht den Friseurbesuch jedes Mal neu zu einem kleinen Abenteuer. Ein wenig Mut gehört dazu und Chuzpe, denn der tröstende Satz des Figaros beim Anblick der betretenen Miene „Das wächst ja wieder nach!“ kann nicht jede Frau friedlich stimmen: Es ist allemal schneller abgeschnitten als nachgewachsen.

Dennoch treibt es Frauen immer wieder unter die Schere, tanzen sie mit Leidenschaft auf dem Vulkan – man weiß nie genau, was dabei herauskommt. Aber der Spaß ist es wert, die Lust an der Veränderung, der Camouflage. Kurzhaarfrisuren suchen sich gerne kongeniale Partner in der Farbe, um frau zu einem neuen Typ zu stylen. Gesträhnt, geföhnt und gelackt, klappt es dann auch mit dem nächsten Mann.

Auch wenn die Haarmode heute alles hergibt, – ein guter Friseur berät nach Kopf- und Gesichtsform, Haarstruktur und Ausgangsfarbe, Körperproportionen, Modestil, Performance und Lebensweise, bevor er eine Kurzhaarfrisur kreiert. Nicht jede Frau liebt es assymetrisch, fedrig oder wild, nicht jede hat das geübte Händchen für eine Fönfrisur, auch wenn die Industrie heute Gegenmittel für alle Eventualitäten bereithält. Im häuslichen Badezimmer zeigt sich, ob der Schnitt hält, was der Meister versprach. Der kommerzielle Einfallsreichtum der Kosmetikindustrie leistet in jedem Fall Schadensbegrenzung. Und beim nächsten Friseur wird alles anders!

So wird der Salonbesuch zu einer Kapriole in einem sonst eher nüchternen Alltag, zu einer im platonischen Sinne intimen Eskapade. Der Friseur als Lebensberater – manche Psychoanalyse-Sitzung könnte entfallen.

Bleiben wir ihr also treu – der Kurzhaarfrisur – und trauen wir uns, die Tür zum Friseursalon aufzustoßen. Dieses Mal könnte es ja so richtig gut ausgehen!

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