Noch 50 Jahre nach der Einführung der Anti-Baby-Pille und der nachfolgenden neuartigen Verhütungsmethoden wie der Spirale oder der Pille danach werden in Deutschland mehr als 14 Prozent der Schwangerschaften abgebrochen, meist in den ersten drei Monaten. Weltweit sollen es mehr als 40 Millionen Schwangerschaftsabbrüche jährlich sein. Und noch immer ist es ein heftig diskutiertes Thema, das für viele Menschen gegen religiöse und ethische Vorstellungen verstößt, für andere das Lebensrecht des ungeborenen Lebens oder das weibliche Selbstbestimmungsrecht tangiert. Für Länder der Dritten Welt liegen Zahlen vor, die besagen, dass mehr als die Hälfte der Schwangerschaftsabbrüche illegal und oft nicht fachkundig durchgeführt werden und jährlich geschätzte 70.000 Frauen weltweit als Folge eines solchen Eingriffs sterben.


In Deutschland findet die sogenannte Absaugmethode am meisten Anwendung, da es sich um einen unkomplizierten und schnellen Eingriff handelt. Die früher angewandte Methode der Ausschabung wird nur noch eingesetzt, wenn nach einer Absaugung noch letzte Gewebsreste entfernt werden müssen. Eine Lokalanästhesie ist gebräuchlich, oft auch eine kurze Vollnarkose. Schwangerschaftsabbrüche durch eine Medikamentengabe, der sogenannten „Abtreibungspille“, werden durch gezielte Hormoneinnahmen (2 Tage lang Progesteron, danach Prostaglandin) artifiziell erzeugt und sind in ihrer Wirkweise einer Fehlgeburt vergleichbar. Schwangerschaftsabbrüche in einem späteren Stadium, also nach der 14. Schwangerschaftswoche, werden nur aus medizinischen Indikationen durchgeführt, ebenfalls durch die Gabe von Hormonen. Falls notwendig, kommt es zusätzlich zu einem Fetozid, durch Kappen der Blutzufuhr durch die Nabelschnur oder durch die Injektion von Kaliumchlorid. Diese extreme Form der Schwangerschaftsabbrüche kommt in Deutschland jährlich ca. 230-250 Mal vor und wird ausschließlich stationär praktiziert.

Die medizinischen Folgen sind heute – im Gegensatz zu früheren Zeiten – gering, die landläufige Meinung war lange, dass Langzeitfolgen wie Früh- oder Totgeburten bei späteren Schwangerschaften nicht auszuschließen seien. Gesichert ist diese Annahme allerdings nur in Fällen, in denen beim Eingriff Verletzungen in der Gebärmutter oder anderen Organen verursacht wurden. Signifikanter sind die psychischen Folgen, unter denen betroffene Frauen leiden können. Allerdings berichten Studien auch von einem allgemeinen Gefühl der „Erleichterung“, und auch von „neuem Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen“ und davon, dass die Frauen, die sich einem Schwangerschaftsabbruch unterzogen, weniger psychisch belastet sind als Frauen, die ein ungewolltes Kind gegen ihren Willen austragen.

2009 erregte ein Beitrag in einer großen Wochenzeitung großes Aufsehen: Männer berichteten von ihren Erfahrungen nach den Schwangerschaftsabbrüchen ihrer Partnerinnen. Die Position des werdenden Vaters ist denkbar bescheiden: Er hat kein Einspruchsrecht, wenn die Frau den Abbruch wünscht, er muss weder gefragt werden noch darf er mitentscheiden, er wird zu einer Randfigur, die er anatomisch gesehen natürlich auch ist – in diesem Fall. Aber dennoch darf nicht unterschätzt werden, wie viele Partnerschaften negativ belastet wurden, wenn der Mann, der sich für das Kind entschieden hätte, mit der Entscheidung der Frau konfrontiert und manchmal auch überfordert wird. Gefühle von Ohnmacht und Trauer nehmen überhand, auch ein Gefühl von Verrat wird erlebt. Es gibt Präzedenzfälle, bei denen Männer auf juristischem Wege versuchen, die Partnerinnen an einem Schwangerschaftsabbruch zu hindern, allerdings erfolglos.


Nicht immer war es für eine Frau so einfach, über ihren Körper selbst bestimmen zu können (Die Entscheidung selbst macht sich wohl keine Frau leicht!). Noch bis weit in das 20. Jahrhundert hinein war der Griff zu Stricknadeln oder pflanzlichen Gemischen gang und gäbe. Im alten Ägypten kannte man schon Schwangerschaftsabbrüche durch Kräutertränke oder Einspritzungen, im antiken Griechenland hatte das ungeborene Leben weder Seele noch Lebensrecht. Nach Hippokrates wurden Schwangerschaftsabbrüche in drei Stufen vorgenommen: Zunächst sollten innerlich eingenommene Mittel den Embryo schwächen, Mittel, die einen starken Druck auf die Gebärmutter ausübten, sollten den Muttermund öffnen und eine mechanische Einwirkung wie das Tragen von schweren Lasten oder körperliche Anstrengungen sollte die Fehlgeburt auslösen. Auch im alten Rom hielt man Kinderreichtum für sozial wenig erstrebenswert, über 200 unterschiedliche Schwangerschaftsabbrüche waren bekannt, darunter Gifte und Drogen wie Nießwurz und Bibergeil, zu 90 Prozent waren sie wirkungsvoll. Angewandt wurden sie vom zweiten bis zum siebten (!) Monat.

Bis ins 19. Jahrhundert fanden unehelich Geborene und ausgesetzte Kinder als Erwachsene keinen Eingang in viele Handwerkszünfte, sie waren allgemein mit einem Kainszeichen versehen. Im 18. Jahrhundert blühten die sog. Gebär- und Findelhäuser, die allein in Wien rund 750 000 Kinder aufnahmen. Im Zeitraum zwischen 1848 und 1868 sollen 30 Prozent der Kinder, die in Wien zur Welt kamen, in Wiener Findelhäusern abgeschoben worden sein. Die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche ist nicht bekannt.

Der Mangel an geeigneten Verhütungsmitteln, jahrtausendelange Männerdominanz und überkommene Rollenbilder, Frauenfeindlichheit und verlogene Moralvorstellungen, die Angst vor riskanten und nur klammheimlich vorgenommenen Schwangerschaftsabbrüchen und die Verurteilung der betroffenen Frauen, die gesellschaftlich ins Aus gestellt wurden, zeichnen dafür verantwortlich.

Die Frauenbewegung ging einen langen Weg.

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