»Cuteness« begegnet uns in allen Lebensbereichen: in Form von Katzen- oder Bärchenfiltern in Apps wie Instagram oder Snapchat, als knuffige Figuren, die via Augmented-Reality-Apps unsere Welt bevölkern, als virtuelle Sticker anstelle reiner Textkommunikation. Mopstoilettenpapier, runde Babygesichter auf Verpackungen, Plüschtiere und verniedlichte Roboter strahlen aus Regalen und von Werbeplakaten. Welche Social-App man auch öffnet: Tier-Memes jeder Art. Aber auch ein Blick auf Werke der Gegenwartskunst oder der Popmusik bezeugen den Siegeszug des Niedlichen; man denke nur an Jeff Koons’ magentafarbene Ballon-Hündchen oder Musikvideos von Katy Perry. Das Phänomen »Cuteness« wird in Feuilletons diskutiert und es gibt ganze Subkulturen der Niedlichkeit.

Cute: Inseln der Glückseligkeit - Partnerlink

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Der allumfassende Erfolg der »Cuteness« spricht für eine Sehnsucht nach einer »Insel der Glückseligkeit«, nach einer heilen Welt in Zeiten globaler Krisen und einer technologisierten, überkomplexen Gesellschaft. Doch der Schein trügt. Wie die Kulturtheoretikerin Sianne Ngai analysiert, ist »Cuteness« dialektisch:

Dem Niedlichen wohnt sein Gegenbild, das Unheimliche, inne, das jederzeit durchbrechen und Unbehagen auslösen kann. Zärtliches Knuddeln verwandelt sich schnell in sadistisches Zudrücken und »Cuteness« zeigt sich von ihrer dunklen Seite als »Creepy-Cuteness« (dt.: unheimliche Niedlichkeit). Vor allem aber spiegelt sich laut Ngai im Niedlichen die gegenwärtige Konsumwelt wider. Dass Rundliches, Flauschiges und Niedliches Hochkonjunktur hat, lässt sich quer durch Produktpalletten und Werbebotschaften feststellen. »Cuteness«-Strategien finden sich auch in neuen Feldern der Ästhetischen Chirurgie, die immer häufiger das Selbst dem weichgezeichneten Digital-Ideal angleichen soll. Sie zeigen sich in Verhalten und Erscheinungsbild menschenähnlicher Roboter und auch die Wahrnehmung smarter, vernetzter Technologien im Internet der Dinge erscheint in »cutem« Gewand weniger beunruhigend, eher harmlos und dienlich. Nicht zuletzt gesellschaftliche Themen wie der Klimawandel können mit Verniedlichungsstrategien einhergehen, wenn Bilder niedlicher Tiere in Lebensgefahr für Kampagnen zum Klimaschutz genutzt werden.

Angesichts ihrer enormen Durchsetzungskraft ist es an der Zeit, »Cuteness« als eine bedeutende und komplexe Ästhetik der Gegenwart zu analysieren. Mit Fotografien, Skulpturen, Video- und Rauminstallationen von über 60 Künstler*innen, Presse-Fotograf*innen und Designer*innen sowie Gegenständen aus Alltags- und Popkultur zeigt die Ausstellung #cute. Inseln der Glückseligkeit? medien- und genreübergreifend, dass das Niedliche nicht so unschuldig oder einfach ist, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag.

»Cuteness« ist Ausdruck eines umfassenden Zeitgeschehens zwischen Verkaufsstrategie, Verharmlosung und Kritik. Die Ausstellung vereint Artefakte der Alltagskultur wie YouTube-Videos – »Cuteness«-Medium Nr. 1 – oder Popmusikvideos, Produktdesigns handelsüblicher Verpackungen, Maschinen und Roboter vom Tamagotchi bis zu unserem »creepy-cuten« Doppelgänger, dem Androiden. Sie präsentiert Zeugnisse »cuter« Subkulturen und Stilrichtungen wie Kawai oder Steam Punk, untersucht »Cuteness« aus einer pädagogischen Perspektive und setzt sie in Bezug zu globalen Krisen wie dem Klimawandel. Die Auswahl künstlerischer Positionen macht deutlich:

»Cuteness« ist in der Kunst angekommen.

Mit Werken von Aya Kakeda, Brenda Lien, Jonathan Monaghan, Melissa Sixma Lingo, Maija Tammi, Jürgen Teller, Ruud van Empel.

  • Kompaktinfo
  • Cute: Inseln der Glückseligkeit

  • Autor: Birgit Richard
  • Ausgabe: 1. Edition (1. Juni 2020)
  • Verlag: Kerber Verlag
  • ISBN-10: 373560627X
  • ISBN-13: 978-3735606273
  • Fazit

    Zwischen Realitätsflucht, Marketing-Kalkül und künstlerischer Strategie untersuchte die Gruppenausstellung #cute. Inseln der Glückseligkeit? im NRW-Forum Düsseldorf vom 9. Oktober 2020 bis 10. Januar 2021 »Cuteness« in ihrer Mehrdeutigkeit als eine Schlüsselästhetik unserer Zeit.
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