Mitra Tabrizian (*1956) ist eine genaue Beobachterin. Unentwegt spürt man die Dringlichkeit mit der die preisgekrönte britisch-iranische Fotografin und Filmemacherin auf den Alltag blickt.

Tabrizian schafft Bildwelten, unter deren vermeintlich friedlicher Oberfläche es beunruhigend rumort.

Mit unverwechselbarer Bildsprache hinterfragt sie die komplexen sozialen Rollen des Individuums und sucht den Platz des Einzelnen in der Gesellschaft. Dabei enthüllt sie Übersehenes und ringt mit den gewohnten Vorstellungen des heutigen globalisierten Lebens, an dem viele Menschen nicht teilhaben können.

Mit langer Vorbereitung, Recherche und äußerst behutsam entfaltet sie eine stille Erzählung, in der beispielsweise die ungewisse Tageszeit zwischen später Nacht und frühen Morgenstunden subtil anzeigt, dass es sich um eine Zwischenwelt handelt, die wir sehen.

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In dem filmischen Werk »You don’t know what nights are like?« etwa beschäftigt sie sich mit den Auswirkungen der Nachtarbeit: Menschen ziehen sich lebensscheu in die Verborgenheit zurück oder verzweifeln daran, aus ökonomischen Zwängen vom üblichen sozialen Leben ausgeschlossen zu sein.

 

Des Weiteren zeigt Tabrizian ruinöse Industrielandschaften, meist menschenleer, und mit diesen die längst verfallenen Fortschrittshoffnungen der Industriellen Revolution und Moderne. Oder sie wendet sich den dem alltäglichen Leben abgekehrten Seiten der britischen Gesellschaft zu. Sie begleitet Zuwanderer aus Bahrain und iranische Exilanten, die mehr gestrandet als angekommen zu sein scheinen. Ein behelfsmäßiger Alltag neben dem Alltag. Die Fotografien dieser Protagonistinnen und Protagonisten, teils mit, teils ohne Namen, enthüllen bedrückende Schicksale. Doch selbst im gesellschaftlichen Abseits und bei aller Melancholie offenbaren sie ebenso Stolz und Lebenswillen.