MELANCHOLISCHER REALISMUS UND ABSURDE FANTASIEN

Um eines vorwegzunehmen: Ja, diese absurden Situationen gibt es wirklich. Der Elefant im Eingangsflur war in der Tat schon da, ebenso hat sich der Soldat freiwillig auf das rosa Plüschsofa vor das riesige Aquarium gesetzt und der orthodoxe Priester hat auch tatsächlich die beiden ansehnlichen jungen Frauen an der Bar bedient.

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»Frank Herfort gelingen solche Aufnahmen, weil er den Blick für besondere Motive und Situationen hat. Er hält fest, wo andere vorbeigehen, und bringt damit Unsichtbares ans Licht,« weiß Jürgen Rink, Chefredakteur c‘t magazin. Herforts Bilder sind fast alle in Russland entstanden. Sie sind spektakulär, handwerklich perfekt und wirken gerade deshalb, weil wir BetrachterInnen solche Szenen noch nie gesehen haben.

© Frank Herfort

Der Buchtitel »Fairytales«, also Märchen, reizt zum Widerspruch, denn wurde nicht eben gesagt, dass die Aufnahmen die Realität darstellen? Herfort sieht in der russischen Realität durchaus Parallelen zum Märchen. Er hat die Russen viele Jahre lang als positive, gut gelaunte Menschen erlebt, die den Widrigkeiten des Lebens trotzen. Am Anfang mag eine schwierige Situation stehen, die Geschichte schließt aber dennoch mit einem Happy End – wie in einem Märchen eben.

Viktor mit seinem Pferdeschlitten auf dem Weg von seinem Heimatdorf Budushee zum nächstgelegenen Dorf Timkova im maerchenhaft verschneiten Wald. Einmal die Woche begibt er sich auf die kleine 9km lange Fahrt um Einkäufe für sich und das Dorf zu tätigen und Briefe von der Post zu holen.
© Frank Herfort

Doch obgleich Märchen oder Realität, Herforts Bilder verführen und entführen. Gerade noch blättert man wahllos durch das Buch, schon hängt die ganze Aufmerksamkeit an einem Bild oder Detail. Herfort, gelingt es Aufmerksamkeit zu schaffen und zum langsamen Sehen zu verführen, indem er mit journalistischen Mitteln arbeitet: Ein Journalist muss mit einem Paukenschlag, einem starken Anfang, zum Lesen verführen. Herfort macht das Gleiche mit fotografischen Mitteln. Er legt Bildanker, die zum Betrachten anregen, an denen man hängen bleibt.

Ein Wachmann der Tschetchenischen Präsidentengarde entspannt sich mit einem Glas Tauchun ( Waldmeisterlimonade ) im Globus Restaurant in Grozny. Sein Wachposten befindet sich direkt neben dem Restaurant. Aufgrund eines Sieges beim Fussballspiel, gibt es als Belohnung jetzt schon Feierabend. So zumindest erklärte er uns seinen Aufenthalt im leeren Restaurant. Aber vielleicht war sein Auftrag auch einfach zu schauen, was die beiden Deutschen im Restaurant mit Blick auf den Präsidentenpalast so treiben. Denn ein Foto in Richtung Palast sei streng verboten. So, fragte ich ,ob ich ihn nicht einfach fotografieren kann.
© Frank Herfort

Sofern man der Versuchung widersteht, sofort den Text zum Bild zu lesen, enthüllt jedes Motiv mindestens zwei Geschichten, denn das Foto ohne Beschreibung erzählt durchaus etwas anderes als der dazugehörige Text. Das schiefe, kleine Holzhaus etwa vermittelt die Geschichte von verwunschenen Orten, Angst und Bedrohung. Der Text dazu beschreibt das Häuschen jedoch als Symbol des Widerstands, in dem die Hausbesitzer als einzige einem Straßenbau im postsowjetischen Russland trotzen.

Übrigens: Der anfangs erwähnte Elefant im Flur ist nicht lebendig, sondern »nur« ausgestopft.

  • Kompaktinfo
  • Russian Fairytales

  • Autor: Frank Herfort
  • Ausgabe: 1. Edition (1. April 2020)
  • Verlag: Kerber Verlag
  • ISBN-13: 978-3735606860
  • Fazit

    Die Fotografien der post-sowjetischen Welt sind hypnotisch, cool, herausfordernd – und vor allem zutiefst menschlich. Alltagsszenen, Architekturen und Ereignisse entfalten ihre individuellen Erzählungen und verbinden sich zu einer faszinierenden Märchengeschichte mit zeitgenössischem Twist.
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