»Meine Muse ist launisch. Ich habe wenig Einfluss drauf. Ich meine, die Ideen kommen oft genug aus heiterem Himmel.«

Nguyen Xuan Huy (*1976) malt und zeichnet virtuos. Auf diesem akademischen Polster könnte der Künstler komfortabel ruhen – verzichtet aber darauf. Das macht seine Werke spannend: »Meine Bilder sehen oft wie Szenen aus verdrehten Träumen aus. Ich bin in der Tat ein fleißiger Träumer, und viele meiner Träume übertreffen alle surrealistischen Geschichten, die ich kenne. Aber genau genommen sind es ja bloß meine Erfahrungen im wirklichen Leben, im Schlaf durcheinandergeraten und nach einer anderen Ordnung miteinander verknüpft.«

Huys Werk ist geprägt von sprunghaften Entwicklungsphasen in Stil und Thematik. Fotorealistische Bilder, die mehr oder weniger auf Dokumentarfotos basierten, wurden abgelöst von Motiven missgebildeter Frauengestalten vor leerem Hintergrund. Aktuell werden seine Gemälde fast schon »konventionell in allen Ecken ausgemalt, kaum noch Spuren von politischen Symbolen«, so Autor Richard E. Müller.

Der Künstler selbst erklärt diese Veränderungen im Schaffensprozess anhand seiner bewegten Historie: »Der Vietnamkrieg bedeutete für mich persönlich eine Geburtsstunde, damit fing die Reise an. In meinen Arbeiten zeigte ich damals keine Kampfszenen, nur die Stille danach. Ich benutzte oft Dokumentarfotos, als eine Brücke zur Realität.« Neben den einschneidenden Kriegsgeschehnissen prägte ihn vor allem auch das politische Weltbild seines Heimatlandes Vietnam: »Bereits im zarten Alter war ich ein überzeugter Kommunist und ein glühender Patriot, mit einem sehr naiven Weltbild von Gut und Böse. Erst in Deutschland hatte ich die Gelegenheit, all das mit anderen Augen zu sehen. Diese ideologische Zurichtung, eine eigene Züchtung, hat für mich in gewisser Hinsicht Parallelen zu Agent Orange — das eine bringt körperliche, das andere geistige Mißbildungen hervor. So kam ich auf die Idee, beides in meinen Bildern zu kombinieren.«

Heute möchte Huy der Menschheit diese Themen ersparen: »Was meine Kunst angeht, verfolge ich keine Absichten. Es gibt da außer Eitelkeit vor allem das nackte Bedürfnis, etwas zu malen, etwas sichtbar zu machen, etwas in Bilder zu fassen. Wozu es darüberhinaus gut ist, das weiß ich nicht. Mit aller Vorsicht würde ich nur sagen: Wenn meine Malerei tatsächlich zu etwas taugt, dann vielleicht als ein Ergänzungsangebot zum Bildnis der Menschheit. Was an sich nichts Neues ist und zugleich doch ein krasser Anspruch, aber davon kann man aus meiner Sicht nie genug reden, eine Sisyphusarbeit.«

Antrieb beim Malen seien jedoch nicht die großen Theorien, sondern eher Kleinigkeiten: der Geruch der Ölfarbe, die leere Leinwand, die Sinnlichkeit des Mediums, das Malen als Weltflucht.

»Das Ergebnis ist oft verwirrend, rätselhaft oder einfach sinnlos. Aber all das gehört zu einem Komplex, in dem das Reale und das Irreale, der Sinn und der Unsinn ineinander verwoben und gleichberechtigt sind. Der Traum als ein Widerstand, der eine einfache Erklärung der Welt ablehnt, zweifelt, sie umformt. Die Fetzen der Realitäten suchen nach ihrer Bedeutung, die es vielleicht gar nicht gibt, aber entscheidend ist das nicht. Die Suche an sich ist die Hauptattraktion! Denn letztendlich ist nicht eine plausible, einleuchtende Geschichte zu erwarten, sondern ein Ausdruck dessen, wie der Verstand im Dunkel tappt, über Steine stolpert und flucht: Verdammt! Wo bleibt mein Reiseführer!«

Das gesamte Gespräch von Nguyen Xuan Huy mit Richard E. Müller finden Sie in der neuen Monografie »Waiting until heaven is done«.

Huys technisch brillanten Gemälde erscheinen oft wie mythologisch oder philosophisch aufgeladene Gleichnisse auf die geistige Verfassung unserer allem Anschein nach vollkommen entfesselten Gegenwart.