Es gibt verschiedene Arten, ein Leben zu erzählen. Man kann es chronologisch aufspulen, wie es tatsächlich passiert ist – Geburt, Kindheit, Aufstieg, Fall, oder auch kein Fall, nur Weitermachen. Man kann es psychoanalytisch durchleuchten und jeden Schritt mit Traumen begründen. Oder man kann tun, was Michele Botton und Filippo Beretta mit ihrer neuen Graphic Novel getan haben: Man kann das Leben als das zeigen, was es tatsächlich ist – eine Kunstfigur, die sich selbst inszeniert, und dahinter Sonnenlicht aber auch Leere.

"Karl Lagerfeld – Die illustrierte Geschichte" erschien im Prestel Verlag. 128 Seiten. Hardcover.

Karl Lagerfeld - Die illustrierte Geschichte

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Die Struktur: Zehn Kapitel, keine Chronologie

Bottons Graphic Novel folgt einer unkonventionellen Struktur. Das Inhaltsverzeichnis zeigt es: Paris. Jugend. Chloé. Kindheit. Fendi. Liebe. Chanel. Choupette. Auf dem Olymp. Abschied. Die Jugend kommt nach Paris. Die Kindheit nach Chloé. Das ist nicht Zufall – es ist Strategie.

Das Buch beginnt nicht mit Hamburg, nicht mit Familie, nicht mit Herkunft. Es beginnt mit Paris, den 1950er Jahren. Mit dem Moment, in dem die Ikone bereits Gestalt annimmt. Der junge Karl bereitet sein Debüt vor. Das ist das Wesentliche: eine Person, die sich selbst erfinden will, nicht eine, die sich selbst verstehen will. Diese Priorisierung ist die gesamte Erzählung.

Der Verlag beschreibt es so: "Die Graphic Novel beleuchtet die verschiedenen Facetten seines Lebens auf fesselnde Weise. Neben seiner beeindruckenden Karriere bei Marken wie Chanel, Fendi und Chloé geht es auch um den Menschen hinter der Persona, der sich leidenschaftlich für Kunst, Literatur und Philosophie interessierte." Es gibt also zwei Erzählstränge – die öffentliche Karriere und das private Leben. Das ist nicht erfunden, das ist dokumentiert.

Die zehn Kapitel – was das Buch erzählt

Die zehn Kapitel dieser Graphic Novel verhalten sich zu Lagerfelds Leben wie konzentrische Kreise zu einem Mittelpunkt – sie nähern sich ihm, ziehen wieder weg, kommen aus einer anderen Richtung zurück, als wäre eine gerade Linie diesem Mann schlicht unangemessen. Statt brav mit Hamburg zu beginnen, setzt das Buch mit „Paris“ ein: 1950er, Wiederaufbau, ein junger Deutscher in einer Stadt, die sich neu erfindet, und mittendrin einer, der sein Debüt vorbereitet, bevor überhaupt geklärt ist, woher er kommt – die Biographie startet im Entwurf, nicht im Ursprung. „Jugend“ und „Kindheit“ holen die Rückseite später nach, mit Nachkriegs-Hamburg, Familie, Krieg, dem Gefühl, falsch einsortiert zu sein; sie wirken im Strang nach „Chloé“ und vor „Fendi“ wie nachgelieferte Erklärungen, die man erst dann aushält, wenn man gesehen hat, dass der Betroffene es überhaupt aus eigener Kraft herausgeschafft hat.

Dazwischen und danach ordnen „Chloé“, „Fendi“ und „Chanel“ die großen beruflichen Kapitel, während „Liebe“ und „Choupette“ erstaunlich lakonisch markieren, dass es jenseits von Laufsteg und Atelier noch etwas wie Bindung gab – einmal zwischen Menschen, einmal zu einer „Diva auf vier Pfoten“, die im Buch ein eigenes Kapitel bekommt und im echten Leben Teile des Erbes. „Auf dem Olymp“ zeigt den vielbeschäftigten Lagerfeld der spektakulären Shows, „Abschied“ den Übergang vom dauerpräsenten Designer zur reinen Chiffre; zusammen ergibt das eine Struktur, die weniger erklärt als andeutet und damit ziemlich genau jene Mischung aus Distanz und Inszenierung trifft, mit der Lagerfeld selbst auf die Welt blickte – durch eine schwarze Brille, hinter der man die Augen nie ganz erkennt.

Die Graphic Novel zeigt Lagerfelds private Welt der Literatur und Kunst. Seine Hingabe zu Choupette. Sein Antreiben und gleichzeitig seine Liebe zur Einfachheit. Das Buch rafft, vereinfacht, konzentriert sich auf das Wesentliche. Das Buch schafft eine Balance. Nicht Hagiographie, nicht Verdammung – sondern Beobachtung.

Das Konzept der Reduktion

Was Botton und Beretta verstanden haben – und das ist das eigentliche Zentrum des Werkes – ist folgendes: Lagerfeld verbrachte sein ganzes Leben damit, sich selbst zu reduzieren. Nicht im psychologischen Sinne, sondern im visuellen, ästhetischen Sinne. Die schwarze Sonnenbrille, der weiße Zopf, die schwarzen Anzüge – alles wurde Kunstfigur, alles wurde Symbol.

Berettas reduzierten Farben und klaren Linien machen dies visuell: Sie zeigen einen Menschen, der nicht größer wird, sondern kleiner. Nicht reicher, sondern ärmer. Eine schrittweise Auslöschung der Person zugunsten der Ikone.

Das Buch zeigt, laut Verlag, "einen Mann, dessen rastloses Antreiben mit einer tiefe Wertschätzung für Schönheit und Einfachheit gekoppelt war." Rastlos ist das richtige Wort. Ein Mensch, der nicht aufhören konnte.

Ein Buch für die gegenwärtige Epoche

Es ist 2025. Lagerfeld ist seit sechs Jahren tot. Wir leben in einer Epoche, in der die Grenze zwischen Persona und Person vollständig aufgelöst ist. Instagram-Influencer sind das, was Lagerfeld präfigurierte – eine komplette Selbsterfindung als Content, eine tägliche Inszenierung. Lagerfeld war ein früher Prophet dieses Zustands, aber mit einer großen Differenz: Er tat es analog, nicht digital. Er tat es ohne die Illusion, dass es authentisch sein könnte.

Bottons Graphic Novel zeigt, dass dies kein glamourös-exzentrischer Lebensstil war, sondern eine Warnung. Eine Warnung davor, was passiert, wenn die Maske so perfekt wird, dass dahinter nichts mehr lebt.

Die schwarze Sonnenbrille sitzt. Sie sitzt immer. Und irgendwann verstehen wir, dass dies die tragischste Form der menschlichen Existenz ist: wenn die Maske so perfekt wird, dass niemand mehr hinter die Maske schauen kann. Auch der Träger nicht.

  • Kompaktinfo
  • Karl Lagerfeld - Die illustrierte Geschichte

  • Autor: Michele Botton (Autor), Filippo Beretta (Illustrator), Christine Schnappinger (Übersetzer)
  • Verlag: Prestel
  • ISBN-10: 3791393464
  • ISBN-13: 978-3791393469
  • Fazit

    Wer sich für Mode, Biografien und Graphic Novels interessiert, bekommt hier einen gut lesbaren, visuell starken Einstieg in Lagerfelds Leben: keine trockene Faktensammlung, sondern ein pointiert erzählter Blick auf Karriere, Eigensinn, Beziehungen und den Preis, den ein Mensch zahlt, wenn er zur Marke wird.
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